Conrad von Hötzendorf:
Legende - Mythos - Tradition
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Conrad von Hötzendorf


Es dürfte bekannt sein, daß Conrad von Hötzendorf im überwiegenden Teil der österreichischen militärischen Geschichtsschreibung der Zwischenkriegszeit 1918-1939 und auch später, als eine geradezu mythische militärische Gestalt dargestellt wurde. In der neueren Forschung ist man sachlicher geworden. Es wird versucht, Conrad vom Menschen her als auch in Reflexion auf neuere Forschungsergebnisse zur Geschichte des Ersten Weltkrieges zu verstehen. Dieses Vorhaben wird dadurch begünstigt, daß es heute ganz andere Möglichkeiten, aber auch andere Erkenntnisse gibt als seinerzeit. Seit etwa 1956 haben die meisten europäischen Archive ihre Dokumente der Forschung zugänglich gemacht. Oder mit anderen Worten gesagt: Der k.u.k. Feldmarschall Conrad von Hötzendorf gehört in der Kriegsgeschichte zweifelsohne zu den bedeutendsten Exponenten beweglicher militärischer Führung - das Thema dieser Tagung. Weil aber das historische Bild Conrads stark mythologisiert wurde, mag es im Interesse historischer Wahrheitsfindung vielleicht interessant sein, über Conrad versuchsweise im Zusammenhang von Legende, Mythos und Tradition zu sprechen.

Wenn ich mich dabei an einem Wort von Ernst BERTRAM in der Einleitung zu seinem "Nietzsche. Versuch einer Mythologie" ausrichten darf, nämlich an diesem: "Die Legende des Menschen, das ist sein in jedem neuen Heute neu wirksames und lebendiges Bild" 2, und, wenn eine auf Kontinuität gegründete ethische Entwicklung als Tradition angesprochen wird, dann heißt das bei Conrad Folgendes:

Als der Feldmarschall Franz Graf Conrad von Hötzendorf 1925 starb, bereiteten ihm das Bundesheer der ersten österreichischen Republik und die Kameradschaftsverbände der alten Armee in Wien ein Begräbnis, wie es das Zeremoniell der kaiserlichen Armee für die großen Heerführer und Feldherrn vorgesehen hatte: Vor dem auf einer sechsspännigen Lafette gebetteten Sarg das Leibpferd, dahinter der geharnischte Ritter; 24 Kanonenschüsse begleiteten die Grablegung des Marschalls. Im heutigen österreichischen Bundesheer ist die Conrad-Tradition signifikant verankert. Conrads Geburtstag, der 14. November 1852, ist der Traditionsgedenktag der Landesverteidigungsakademie (Generalstabsschule). Das Gebäude des Bundesministeriums für Landesverteidigung in Wien heißt "Kommando-Gebäude Franz Graf Conrad von Hötzendorf" 3.

Diese Conrad-Tradition läßt sich in ihren Wurzeln aus dem geschichtlichen Klima der Zeit des Zusammenbruches der Donaumonarchie und dessen Auswirkungen nach 1918 auf die gesellschaftlichen Strukturen der ersten österreichischen Republik verstehen. Sie läßt sich aber auch daraus erklären, daß in geschichtlichen Umbruchszeiten Sehnsüchte nach der ethischen Beständigkeit im verlorengegangenen Gesellschaftssystem angesprochen werden können. Werden solche Sehnsüchte angesprochen, dann kann sich die Legende des Lebens hervorragender Persönlichkeiten, die Idealbildern im alten Gesellschaftssystem nahekommen, in einer auf Kontinuität gegründeten ethischen Entwicklung spiegeln. Sie kann aber auch zum Mythos werden - wie bei Conrad, wenn Conrads militärischer Erziehungsstil als Ausdruck eines ganz besonders ausgeprägten soldatischen Ethos mit Conrads Wesenheit identifiziert und auf seine immer stark ansprechende Maxime reduziert wird, und zwar auf diese, von ihm selbst Geprägte:

"Der Inhalt steht über der Form, der Geist über der Materie, das Erziehen über dem Abrichten, die Überzeugung über dem Zwang, das feldmäßige Können über dem parademäßigen Drill" 4.

Das sind dann ethische Realitäten im Geschichtsbewußtsein von Generationen von Soldaten, die ebenso richtig wie indiskutabel sind. Damit stellt sich aber auch der Conrad-Mythos als ein geistiges Moment und nicht als eine Conrad-Schule im Sinne einer Militärdoktrin dar. In den Verteidigungs- und Schulungskonzepten des Bundesheeres der beiden österreichischen Republiken hat es eine solche Conrad-Schule nicht gegeben und gibt es eine solche nicht.

Es wäre nun gewiß sehr reizvoll, in einer Art historiographischem Spiegel der Conrad-Mythologie in der österreichischen militärischen Geschichtsschreibung verschiedenen Fragen nachzugehen; zum Beispiel der Frage, wie aus Kameradschaftsempfinden, Anhänglichkeit, Bewunderung und verständlicher Verehrung in den Schriften altösterreichischer Offiziere die Idolisierung Conrads zum "größten Soldaten der Geschichte Österreichs seit Prinz Eugen" entstanden ist, wie General Emil von WOINOVICH schon 1918 schrieb 5; oder der Frage, warum bei diesem Idolisierungsprozeß sachbezogene Arbeiten anderer altösterreichischer Offiziere, die in Conrad durchaus nicht nur ein Idol erblickten, in der offiziösen österreichischen Militärpublizistik kaum oder manches Mal sogar auch sehr abwertend beachtet wurden; oder der Frage, warum Oskar REGELE in seiner, großen Conrad-Monographie 1955 bei Betonung des Moltkeschen Ausspruches "Prestige müssen gewahrt bleiben" und mit Ansammlung eines großen Quellenmaterials versucht hat, alle negativen Aspekte der Amtsführung Conrads dadurch zu verschleiern, daß er sie in einer Fülle von Vergleichen versteckte, die bis auf die antike Kriegführung zurückgreifen; er relativierte so Ansätze der Kritik, ohne eine solche allerdings zu verschweigen. Es wäre schließlich auch nicht uninteressant, zu fragen, warum denn in dem 1972 von der Ausbildungsabteilung B des österreichischen Bundesministeriums für Landesverteidigung herausgegebenen Traditionsbehelf "Feldmarschall Conrad von Hötzendorf" noch immer Sätze wie diese zu lesen sind:

"Die teilweise neuen und richtungsweisenden Methoden, die Conrad für den Infanteriekampf entwickelte, standen selbstverständlich im Einklang mit dem zeitgenössischen Kriegsbild" 6,

was zumindest eine Übertreibung ist.

Aber Fragen dieser Art wären nicht zielführend dafür, was primär interessant ist, nämlich: W o liegt die Mitte? W o setzt die Synthese an, in der sich die angesprochenen Gegensätzlichkeiten in den Auffassungen über Conrad treffen könnten?

Vielleicht könnte und sollte man, um diese Mitte zu gewinnen, wieder dort ansetzen, wo das historische Bild Conrads von seinem Ursprung her erkennbar ist, bei den Primärquellen zur Geschichte seines Lebens. Das sind Conrads 1921 bis 1925 erschienene Memoirenwerke "Aus meiner Dienstzeit 1905-1918" und "Mein Anfang. Kriegserinnerungen aus der Jugendzeit 1878-1882", seine 1977 herausgekommenen "Privaten Aufzeichnungen" und seine umfangreichen Korrespondenzen im Wiener Kriegsarchiv und im Privatbesitz 7. Nimmt man dazu noch - mit der gebotenen Vorsicht natürlich - die schriftlichen Erzählungen altösterreichischer Offiziere, die Conrad persönlich sehr gut gekannt hatten, dann Beobachtungen von österreichischen Politikern der Kriegszeit, wie etwa von Josef REDLICH, dessen politisches Tagebuch 1908-1919 Fritz FELLNER 1953/54 herausgegeben hat, und kombiniert diese Aussagen mit den - hier nur in sehr beschränkter Auswahl anzuführenden - neueren Forschungsergebnissen zur Tätigkeit Conrads - dann könnte sich Conrad in etwa wie folgt darstellen: Conrads menschliche Existenz prägten sein Bluterbe und das Milieu seiner Kindheit. Den Soldaten Conrad profilierte das Berufsethos des k.u.k. Offizierskorps, in das er hineingewachsen ist. ALLMAYER-BECK hat dieses Berufsethos schon 1957 ganz großartig in seinem Beitrag im Sammelwerk "Die Träger der staatlichen Macht. Adel und Bürokratie" herausgearbeitet.

Conrad kommt aus keiner Militärfamilie. Die Vorfahren väterlicherseits waren mittlere Beamte oder Verwalter herrschaftlicher Güter. Sie waren in Mähren ansässig. Die Vorfahren seiner Mutter Barbara (1815-1915), geborene Küchler, stammen aus Bayern; sie waren Handwerker im kleinbürgerlichen Milieu. Conrads Großvater mütterlicherseits war Zimmermaler. Lediglich Conrads Vater, Franz Xaver Joseph (1793-1878), war Soldat und Offizier. Das Adelsprädikat "von Hötzendorf" stammt von Conrads Urgroßvater väterlicherseits, Franz Anton Conrad (1738-1827). Dieser war 1815 als kaiserlicher Beamter (Adjunkt und später Raitrat, also Rechnungsrat) geadelt worden und hatte den Mädchennamen seiner ersten Frau, Josefa von Hötzendorf (1739-1798), die einer 1745 geadelten, kurpfälzischen Familie entstammte, als Adelsprädikat der Conrad übernommen. Konrads Großmutter väterlicherseits, Barbara, war eine Russin mit Mädchennamen Postawkin. Nikolaus von PRERADOVICH hat über die Herkunft der Familie Conrads 1958 eine interessant Untersuchung vorgelegt.

Conrad wurde 1852 in Penzing, damals ein Vorort von Wien, geboren. Erzogen mehr von einer harten, dem Pflichtgefühl ergebenen Mutter als vom Vater, erlebte Conrad eine Jugend in bescheidenen Verhältnissen: Mit elf Jahren Kadettenschüler und später Militärkakademiker; ein einem Kinde aufgezwungener Beruf, das einer Anlage nach mehr dem Künstlerisch - Malerischen zuneigte. Dann wurde er Generalstabs- und Truppenoffizier, Taktiklehrer an der Kriegsschule in Wien, Regimentskommandant in Troppau, Brigadier und Divisionär in Triest und in Innsbruck, bis ihn 1906 der Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand als Generalstabschef der gesamten bewaffneten Macht auserwählte. Damals war Conrad 54 Jahre alt. Er hatte 35 aktive Dienstjahre In der Armee hinter sich. davon 25 Jahre bei der Truppe. Einfallsreichtunm, Fleiß, Gewissenhaftigkeit und eine rastlose Aktivität unterschieden ihn weitaus vom Durchschnitt des Offizierskorps. In Österreich hatte der Chef des Generalstabs gemäß Behördenorganisation in Friedenszeit zwar nur für die Ausbildung des Heeres und für die Ausarbeitung der Entwürfe der operativen Kriegspläne zu sorgen. Im Kriege hatte er die militärischen Verbände zu koordinieren und den Armeeoberkommandanten in militärischen Führungsfragen zu beraten. Kraft seiner Persönlichkeit ging aber Conrads Einfluß innerhalb der komplizierten österreichischen militärischen hierarchischen Ordnung und der Vielfalt ihrer Funktionen bald weit über diese Befugnisse hinaus. Er sicherte sich das Recht des direkten Vortrages beim Kaiser ohne Kontrolle durch das Kriegsministerium, dem der Generalstabschef organisatorisch unterstand. Die Ausstrahlungskraft seiner Persönlichkeit war schließlich so stark, daß Conrad während der Kriegsmonate vom August 1914 bis November 1916, also bis zum Tode des Kaisers, von Kaiser Franz Joseph völlig freie Hand in allen militärischen Belangen und in der Leitung der militärischen Operationen gelassen wurde. De facto war nicht Erzherzog Friedrich, der Kaiser Franz Joseph an der Spitze des Heeres im Felde vertrat, Armeeoberkommandant, sondern Conrad von Hötzendorf.

Aber nicht eine noch so detaillierte Kenntnis seiner amtlichen Tätigkeit gibt den Schlüssel zu Conrads komplexer Persönlichkeit, wie sie seine Memoiren so deutlich spiegelt. Auch weitaus die meisten Urteile anderer Memoirenschreiber über ihn lassen viele Widersprüche in Conrads Denken und Handeln kaum verständlich werden. Der Schlüssel zum Verstehen der Psyche Conrads ist sein Innenleben, sein Leben mit und durch seine Familie, und das war nicht sehr vom Glück gesegnet.

Conrads erste Frau Wilhelmine, eine geborene Le Beau, erlag im Jahre 1905 mit 45 Jahren einem Krebsleiden. Von seinen vier Söhnen aus dieser Ehe fiel sein Lieblingssohn Herbert im September 1914 in der Schlacht bei Rawa Ruska als Leutnant in einem Dragonerregiment. Ein zweiter Sohn starb bei Kriegsende als Oberleutnant an einem Lungenleiden. Seine zweite Frau Virginie lernte Conrad 1907 als Gattin des steirischen Industriellen Reininghaus und Mutter von sechs Kindern kennen und lieben. Er war damals 55 und sie 28 Jahre alt. Sie war Italienerin und von bezaubernder Schönheit. Seine zweite Frau, die er 1915 heiratete, hat Conrad unendlich viel bedeutet. Seine Briefe an sie gehören nach inhaltlicher Form und Sprache teilweise zu den klassischen Liebesbriefen der deutschen Literaturgeschichte.

Diese Briefe sind auch besonders aufschlußreich hinsichtlich Konrads Denken im Zusammenhang mit seinem militärischen Beruf. In ihnen schreibt sich Conrad die Sorgenlast des Berufes von der Seele, und er infomiert seine Frau über fast alle wichtigen Entscheidungen seines Berufs. Im seelisch-geistigen Bereich dokumentieren diese Briefe, aber auch andere Briefe Conrads, großen Gedankenreichtum und ein unaufhörliches Jagen stets neuer Ideen. Sie zeigen deutlich eine Kompromißlosigkeit sondergleichen sich selbst und anderen gegenüber, eine Kompromißlosigkeit, die nur zu lieben oder nur zu hassen wußte. Neben einer stark ausgeprägten Eitelkeit zeigen die Briefe aber auch einen auffallenden Pessimismus sich selbst und den eigenen Zielen gegenüber, und das nicht erst während der ersten unglücklichen Ereignisse am Kriegsschauplatz im Herbst 1914, sondern schon viele Jahre früher 8.

Dieser Pessimismus, den Conrad nach außen hin beinahe immer durch besonders betontes Pflichtbewußtsein, Härte, oder auch durch bezaubernden Charme zu verdecken wußte, ist auch so guten Menschenkennern aufgefallen wie dem österreichischen Historiker und Politiker Josef REDLICH. So etwa, wenn REDLICH am 26. August 1914 über ein Gespräch mit Conrad in seinem Tagebuch notierte:

"Wieder fiel mir der eigentümlich pessimistisch-sentimentale Grundzug in Conrads Wesen auf, der umso stärker wirkt, als Conrad in seinem militärischen Beruf die Nüchternheit selbst, die personifizierte Freiheit von Illusionen darstellt" 9;

und am 9. September 1914:

"Menschlich tut mir Conrad sehr leid; er erträgt die Position nicht, zu der ihn das Schicksal erhoben hat..., der große innere Schwung fehlt. Er glaubt innerlich nicht an seinen historischen Beruf zum Generalissimus Österreichs wider Rußland. Die acht Jahre der Kämpfe, erst gegen Schönaich, dann gegen Franz Ferdinand, haben ihn furchtbar verbraucht" 10.

Diese Jahre der Kämpfe, die REDLICH anspricht, das war Conrads Amtstätigkeit vor dem Kriege. Damals war es Conrad trotz des ungarischen Widerstandes und vieler Behinderungen seitens des Kriegsministers Schönaich weitgehend gelungen, die rückständigen Rüstungen der Monarchie durch umfassende organisatorische, disziplinäre und waffentechnische Reformen auszugleichen. 1909 und 1911 aber waren Conrads Wünsche, die inferiore Lage der Monarchie im europäischen politischen Kräftespiel durch Präventivkriege gegen Serbien und Italien aufzuwerten, am energischen Widerstand des Außenministers Aehrenthal gescheitert und Conrad mußte 1911 demissionieren. Zum damaligen Sturz Conrads trug auch bei, daß sich seine Beziehungen zum Thronfolger durch beiderseitiges Verschulden verschlechtert hatten. Franz Ferdinand war außerdem praktizierender Katholik. Conrad war Freigeist, und sein Denken war in den damals in Offizierskreisen weitverbreiteten liberalen und sozialdarwinistischen Ideen verwurzelt. Conrad wurde vorübergehend mit dem Amt eines Armeeinspektors betraut, aber im Dezember 1912 wieder zum Generalstabschef berufen.

"Wenn ich mein Wirken vor dem Kriege zusammenfasse",

so schildert Conrad in seinen "Privaten Aufzeichnungen" die Situation, und man spürt dabei etwas vom leidenschaftlichen Feuer seiner Natur,

"dann gipfelt sie in der klaren Erkenntnis der von Italien, Serbien und Rußland drohenden Gefahren und in meinem unablässigen Bemühen, diesen Gefahren durch rechtzeitiges Handeln zu begegnen ... Und das haben unsere Diplomaten nicht erkannt und nicht zu nützen verstanden ... Ich wurde bei Seiner Majestät, ebenso in der Presse wie im Publikum als unverantwortlicher Kriegshetzer verschrien und wie ein räudiges Schaf behandelt ... Wenn ich jetzt der Leute gedenke, die das hintertrieben haben ..., so kann es nur in völliger Verachtung geschehen. Sie und alle, die in ihr Horn geblasen haben, waren die Mörder und Totengräber der österreichisch-ungarischen Monarchie, sie trifft die Verantwortung, daß es zum Weltkrieg kommen mußte" 11.

Die angebliche Richtigkeit der Conradschen Präventivkriegsideen ist in der jüngsten Geschichtsforschung entschieden abgelehnt worden. Egon ZECHLIN hat beispielsweise schon 1963 in einem Vergleich der Sitzungsprotokolle des österreichisch-ungarischen Ministerrates mit jenen des preußischen Staatsministeriums die österreichischen Minister nach Format, Stil und persönlicher Verantwortungsbereitschaft besonders hervorgehoben 12. 1965 hat der amerikanische Historiker Salomon WANK in einer Interpretation der Conradschen Memoiren an Hand neuer Quellen festgestellt,

"daß Conrad eine politische und vor allem diplomatische Belastung für Österreich-Ungarn in der kritischen Phase vor und während der ersten Monate des Ersten Weltkrieges darstellte" 13.

Fritz FELLNER, der sich von den österreichischen Historikern der jüngsten Zeit wohl am eingehendsten mit der politischen Geschichte vor und während des Ersten Weltkriegs befaßt, hat das vollauf bestätigt 14. Eine Bestätigung findet sich auch bei Gerhard RITTER, Fritz FISCHER und jüngst auch in der Monographie von Erwin HOLZLE "Die Selbstentmachtung Europas. Das Experiment des Friedens vor und im Ersten Weltkrieg", erschienen 1976.

Conrads starkes politisches Engagement läßt sich aus seinen Anschauungen über den Krieg und die Kriegführung erklären. Es muß aber festgehalten werden, daß Conrads Führungslehre quellengemäß sehr schwer faßbar ist. Seine gedruckten Schriften enthalten - abgesehen von seinen frühen taktischen Arbeiten - nur gelegentlich Reflexionen darüber. Die Masse seiner Denkschriften im Wiener Kriegsarchiv, die sich mit verschiedenen operativen Problemen, zum Beispiel mit dem Gebirgskrieg, mit dem Festungskrieg oder mit Fragen der Einführung von Flugzeugen befassen, sind noch nicht einmal im Überblick erfaßt. Peter BROUCEK, der für die Schriftennachlässe zuständige Fachreferent im Wiener Kriegsarchiv, hat hier allerdings während der letzten Jahre bedeutende Vorarbeiten in einer Neuordnung und Ergänzung des dortigen Conrad-Nachlasses geleistet 15.

Conrads Führungslehre stützt sich auf Clausewitz, Moltke und Schlieffen. Nach einer Analyse des Burenkrieges, die Conrad 1903 veröffentlichte, kam er zu der Überzeugung, daß Sieg und Niederlage im Kriege im Volk begründet liege. Damit sei aber der Krieg die Angelegenheit des Staates und der Sieg hänge vom inneren Zustand des Staates, aber auch von dessen Außenpolitik ab. Conrad legte das Clausewitz-Wort, daß der Krieg eine Fortsetzung der Politik, nur mit Beimischung anderer Mittel sei, im Sinne Moltkes aus:

"Die Politik ist leider nicht zu trennen von der Strategie. Die Politik braucht den Krieg zur Erreichung ihrer Ziele, und sie hat einen entscheidenden Einfluß auf seinen Anfang und sein Ende" 16.

Aber Conrad geht noch weiter als Moltke. Die Leitlinien für die Aufstellung eines Kriegsplanes müßten von der Außenpolitik kommen. Es gäbe keine andere Politik als eine solche, die sich auf kriegsbereite Streitkräfte stütze. Die großen Fragen der äußeren Politik seien nur durch den Krieg zu entscheiden. Für die Kriegsbereitschaft der Streitkräfte und für den Kriegsplan sei der Generalstab verantwortlich. Deswegen müsse sich der Generalstabschef auch mit der äußeren Politik beschäftigen, um den Krieg im richtig erkannten Augenblick gebrauchen zu können. Im weiteren sah Conrad - wie Schlieffen in seinem Cannae-Konzept - die Entscheidung in einer Schlacht, in der Gegner doppelt zu umfassen sei. Diese Umfassung erfordere aber die Überlegenheit der Zahl auf seiten des Umfassenden und eine starke Kampfkraft durch körperlich und seelisch für den Kampf geschulte Soldaten. Dazu müsse das Heer im Frieden erzogen werden. Es müsse, wo eine Homogenität in seiner Zusammensetzung fehle, wie bei der multinationalen Wehrmacht der Donaumonarchie, die Kampfkraft durch ein so rasch wie möglich herbeigeführtes Kampferlebnis in einem tatsächlichen Krieg gestärkt werden. Manfried RAUCHENSTEINER hat also durchaus recht, wenn er im vorläufig letzten Teil seiner 1974/75 in der "Österreichischen Militärischen Zeitschrift" erschienenen Untersuchung "Zum Operativen Denken in Österreich 1814-1914" Conrads operatives Denken auf den moralischen Zustand der österreichischen Wehrmacht vor 1914 projiziert und feststellt:

"Die nationalen Spannungen hatten schon zu Meutereien bei verschiedenen Regimentern geführt, und man sah mit Bangen, wie der Zerfallprozeß der Monarchie auch auf das gemeinsame Heer übergriff. War da die Hoffnung so verfehlt, daß man auch diesem Problem durch einen Präventivkrieg, zumindest aber durch entsprechende Anfangserfolg beikommen könnte?" 17.

In Conrads Führungslehre fällt schließlich die einseitige Bevorzugung der Infanterietaktik auf. Conrad war von der Ausbildung her Infanterieoffizier. Seine Infanterietaktik ist in seinem 1900 veröffentlichten und bis 1917 in sechs unveränderten Auflagen erschienenen Buch "Gefechtsausbildung der Infanterie" enthalten. Ihre Grundprinzipien sind an den Interpreten des deutsch-französischen Krieges von 1870/71, wie Boguslwaski, Scherff, Hellmuth, May, Tellenbach, Verdy du Vernois, Hoenig und Natzmer, und an der österreichischen Stoßtaktik des Krieges von 1866 ausgerichtet. Sie wurden auch im Dienstreglement für das k.u.k. Heer verankert. Neu daran für die österreichische Armee waren psychologische Momente, die Conrad ganz besonders betonte: Entschlußkraft, zielbewußter Tatendrang, Selbständigkeit beim Fällen von Entscheidungen, unbeugsamer Wille zum Sturmlauf, wie überhaupt die möglichst kriegsnahe Gestaltung von Truppenübungen und Manövern. Die Achillesverse dabei war, daß Conrad der Feldartillerie beim Infanterieangriff keine große Bedeutung beilegte, ebensowenig den Schützenlöchern beim Angriff wie überhaupt dem Schützengraben, dem indirekten Schießen der Artillerie oder auch dem Maschinengewehr.

Das wiederum stand nun keineswegs im Einklang mit den Kriegserfahrungen aus dem russisch-japanischen Krieg von 1904/05 und aus den beiden Balkankriegen von 1912/13, also mit dem Kriegsbild der Zeit. Diese Erfahrungen wurden aber in der österreichischen Truppe nicht nur publizistisch diskutiert, sondern auch im kleineren Bereich praktisch geübt, freilich vielfach verbotener Weise und auch von Conrad keineswegs geduldet. Noch nicht publizierte Aufzeichnungen damaliger Truppen- und Generalstabsoffiziere berichten darüber, wie Rudolf KISZLING, Anton LEHAR, Hans MAILATH-POKORNY, Andreas BALVANY und Maximilian von CSISCERICS, der 1904/05 als österreichischer Militärbevollmächtigter an den Kämpfen in Ostasien teilgenommen hatte. Peter BROUCEK behandelte das in einer in den "Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs" 1977 erschienenen Untersuchung über "Taktische Erfahrungen aus dem Russisch-japanischen Krieg und ihre Beachtung in Österreich-Ungarn" 18.

Die Konsequenzen, die sich daraus für Conrads Führung im Ersten Weltkrieg ergeben haben, hat schon 1931 der seinerzeitige k.u.k. Feldmarschall-Leutnant Franz KUHN von KUHNENFELD in einem Vergleich zwischen Conrad und Benedek, dem unglücklichen Kommandanten der österreichische Nordarmee, dahingehend festgestellt, daß

"im Jahre 1914, in der ersten, der wichtigsten Kriegsperiode, die Blüte unserer herrlichen Jungmannschaft zwecklos in den Tod gehen (mußte), weil man sie - die Erfahrungen des Feldzuges von 1904/05 in Ostasien mißachtend - zumeist ohne eigene Artillerievorbereitung deckungslos gegen die in Gräben stehenden feindlichen Schützen und gegen überlegene Artillerie vortrieb. Die weit überlegenen Russen drangen in Galizien mit ihrem in der Mandschurei erprobten Drei-Linien-Grabensystem ein , wogegen unsere angreifenden Truppen nicht dezimiert, sondern mehr als halbiert wurden" 19.

Hier zeigt sich die geschichtliche Tragik an Conrad besonders deutlich, der in faszinierenden Denkmodellen weit über den militärischen Möglichkeiten seiner Zeit stand. So etwa in dem Modell, in welchem er im operativen Bereich zur Landesverteidigung der Monarchie in "Maximal-" und "Minimalfällen dachte, für die er mittels A-, B- und C-Staffeln die notwendigen operativen Verbände je nach einem denkbaren Kriegsfall gegen Rußland, gegen Serbien oder Italien wie spielerisch zusammensetzte und einzusetzen gedachte.

Eine andere Eigentümlichkeit Conrads war, daß ihn in der Praxis, - ich betone es: in der Praxis - nicht in der Theorie, immer die Sache mehr als die handelnden Personen interessierte. So hat sich Conrad während des Krieges und solange er Generalstabschef des Armeeoberkommendos war, praktisch nie selbst vom Zustand der Armeen oder deren Kommandos in der Front überzeugt. Sofort mit Kampfbeginn begann er sich außerdem immer mehr in den Wirkungskreis der Armeekommandanten direkt einzumischen und ihnen sogar operative Lösungen vorzuschreiben. Das und nicht immer ganz gerechte Abberufungen von Kommandanten wegen angeblichen Führungsversagen hat ihm zahlreiche Feinde im eigenen Lager gebracht.

Ich will hier nicht bei den Friktionen des Aufmarsches bei Kriegsbeginn 1914 verweilen. Die zutreffenden Ergebnisse der 1974 in den "Militärgeschichtlichen Mitteilungen" erschienenen Arbeit von Norman STONE "Die Mobilmachung der österreichisch-ungarischen Armee 1914" sind bekannt: Ein Kriegsplan, der sowohl die schnelle Niederwerfung Serbiens wie auch ein gleichzeitigtes offensives Vorgehen gegen Rußland für möglich hielt, war infolge Kräftemangels nicht durchführbar.

"Die Führung Conrads bietet das Bild einer Fehlrechnung durch Illusion" hat Hans HERZFELD nicht ganz zu Unrecht 1968 in seiner "Geschichte des Ersten Weltkriegs" angemerkt 20. "Die Sache war umso böser, als man sich hinsichtlich der feindlichen Absichten eigentlich ganz im Dunklen befand", schreibt Anton von PITREICH, bei Kriegsbeginn Generalstabschef im österreichischen 3. Armeekommando, schon 1930 21. "Der Erfindungsreichtum Conrads blieb übermäßig durch Überschätzung der Angriffskraft...belastet, die vor allem seine Anfangsoperationen zu einer, den Gegner immer wieder unterschätzenden Risikofreudigkeit verleitet hat", fährt HERZFELD fort 22, und PITREICH assistiert: "Und der Angriffswahn wurde zum Angriffsfieber und das Angriffsfieber wurde zum Angriffswahn" 23.

Die Offensivoperationen der österreichischen Truppen brachten am serbischen Kriegsschauplatz zunächst keine und an der Ostfront nur taktische Erfolge bei Krasnik und Komarow. Die von Conrad geleiteten Operationen begannen dort mit einem von der 1. Armee (Dankl) und 4. Armee (Auffenberg) nach Norden gerichteten Stoß. Dieser wurde zum Luftstoß, als der mitten aus dem noch nicht abgeschlossenen Aufmarsch heraus und gleichzeitig mit dem Angriff der 3. Armee (Brudermann) im Raum von Lemberg gegen Osten an der feindlichen Übermacht scheiterte. Die 3. Armee mußte zurückgenommen werden und mit ihr die beiden anderen Armeen. Die vom serbischen Kriegsschauplatz verspätet eintreffende 2. Armee (Böhm-Ermolli) konnte die Niederlage nicht mehr verhindern. Die Verluste an der Ostfront betrugen rund 400.000 Mann, davon 100.000 als Gefangene, und 300 Geschütze. Das waren fast 50 Prozent der dort aufmarschierten Streitkräfte.

Carl Freiherr von BARDOLFF, 1911 bis 1914 Vorstand der Militärkanzlei des Thronfolgers Franz Ferdinand und bei Kriegsbeginn Kommandant der 29. Infanterie-Brigade der 4. Armee, die eine Zeit lang den Rückzug dieser Armee deckte, stellte 1938 in seinem Buche "Soldat im alten Österreich" berechtigt die Frage:

"Wie konnte man nur...gegen Osten und Norden, also in senkrecht auseinanderlaufenden Richtungen mit annähernd gleich starken Kräften, die noch nicht einmal voll versammelt waren, in wilder Hast in die umfassen angesetzten, in der gefährlichen Richtung auf Lemberg besonders starken Russen in der Hoffnung auf Erfolg hineinstoßen, ohne daß im Norden die Umklammerung des Feindes im Zusammenwirken mit dem Bundesgenossen bei gleichzeitiger Abwehr der Russen in Osten gesichert war... Wie konnte man überhaupt an zwei Fronten gleichzeitig die Entscheidung suchen wollen, wenn man in der Minderzahl ist?" 24.

In seinen Memoiren erklärte Conrad, er habe diese gewagte Operation in der Hoffnung auf einen gleichzeitig vom deutschen Ostheer aus Ostpreußen in Richtung auf Sielce östlich von Warschau zu führenden Angriff unternommen, wie es 1909 mit Moltke vereinbart worden sei. Dieser Angriff sei aber ausgeblieben. Außerdem sei die Stärke der Russen in Galizien, vor der österreichischen 3. Armee, nicht bekannt gewesen.

Weder das eine noch das andere entspricht den Tatsachen. Mit Moltke, zuletzt im Mai in Karlsbad, war nichts anderes abgesprochen worden als eine Fesselung der nördlichen russischen Streitkräfte durch deutsche Verbände in Ostpreußen, aber keine unmittelbare Zusammenarbeit in einer Angriffsoperation. Eine solche war erst nach dem Fallen der Entscheidung im Westen in Aussicht gestellt, nach deutscher Annahme frühestens in sechs Wochen ab Mobilmachung. Theobald SCHÄFER hat das schon 1938 klargestellt, ebenso Gerhard RITTER 1962 in seinem Werk "Staatskunst und Kriegshandwerk". Der anderen Behauptung Conrads widerspricht die Aktenlage, zum Beispiel die in der Forschung bisher kaum beachteten Berichte des Vertreters des österreichischen Außenministeriums im Armeeoberkommando zu Kriegsbeginn, General der Kavallerie Wladimir GIESL, die sich im Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchiv befinden. Aber auch die an das Armeeoberkommando gesandten Lagemeldungen der österreichischen 4. Armee zwischen dem 10. und 20. August 1914 im Wiener Kriegsarchiv widerlegen diese Behauptung Conrads. So zeigt bereits die Feindlage am 14. August, daß die vier Korps der österreichischen 3. Armee auf sieben Korps der russischen 3. und 8. Armee treffen würden 25.

In Wirklichkeit wollte Conrad bei Kriegsbeginn wahrscheinlich - aber sicher ohne Hilfe der Deutschen - durch einen überraschend in die tiefe Flanke der erkannten und auf Lemberg angesetzten Hauptmasse der Russen geführten Angriff dem Gegner eine entscheidende Niederlage beibringen, vielleicht in einer Kesselschlacht.

Noch einige Schlagworte zu Conrad Führung im Kriegsverlauf.

Die Idee zu der, gemeinsam mit den Deutschen ausgeführten Durchbruchsoperation von Gorlice im Mai 1915, die die russische Südwestfront zum Einsturz brachte, ist von Conrad. Der Operationsplan dazu stammt aus der deutschen Obersten Heeresleitung. Aber es ist auffallend, daß Conrad noch am 4. April 1915, wenige Wochen vor Operationsbeginn, in einem Brief an Falkenhayn einer großen Flankenoperation von Polen und Südgalizien aus in Richtung auf Warschau das Wort redet, was Falkenhayn in seiner Antwort vom 13. April als unrealistisch ablehnt und stattdessen den Durchbruch bei Tarnow-Gorlice vorschlägt. Hermann WENDT hat diesen Konnex schon 1936 in seiner grundlegenden Untersuchung "Der italienische Kriegsschauplatz in europäischen Konflikten" aufgezeigt 26. Die ebenfalls zusammen mit den Deutschen geführten Operationen, die Ende 1915 zur Niederwerfung Serbiens führten, waren ebenso von Conrad mitgeplant wie jene des Durchbruchs von Flitsch-Tolmein im Herbst 1917, der zum Zusammenbruch der italienischen Isonzofront führte. Aber die Katastrophe, in die österreichische 4. und 7. Armee Anfang Juni 1916 an der Ostfront durch die Brussilov-Offensive geriet, beruhte zum guten Teil auch auf unzutreffenden Lagebeurteilungen durch Conrad im Zusammenhang mit seiner Offensive im Trentino. So stellte Conrad noch am 11. Mai 1916 fest: "An unserer russischen Front stehen vom Pripjet bis zur rumänischen Grenze unsererseits 570.000 Gewehre (davon 13.000 Deutsche) auf 450 Kilometer gegen 560.000 - 640.000 russische Gewehre"; ein russischer Angriff sei deswegen "aller Voraussicht nach" aussichtslos, außerdem fehlten Anzeichen für eine russische Angriffsgruppierung 27. Edmund GLAISE-HORSTENAU, als Generalstabshauptmann damals Kriegstagebuchführer im Armeeoberkommando, stellt hingegen in seinen "Erinnerungen" fest: "Der feindliche Angriff kam keineswegs überraschend. Die feindlichen Funksprüche verrieten uns alle Einzelheiten im voraus" 28. Dr. Friedrich von WIESNER, der damalige Vertreter des österreichischen Außenministeriums im Armeeoberkommando, forderte daher in seinem, um den 26. Juni 1916 datierten und an den Außenminister Graf Burian gerichteten, vertraulichen Bericht, das Armeeoberkommando wegen leichtsinniger Armeeführung unter Kuratel und die österreichischen Verbände der Ostfront unter deutsches Kommando zu stellen 29. Letzteres ist dann bekanntlich ja auch weitgehend geschehen.

Hinsichtlich der Person Conrads führte WIESNER aus:

"Von der Eitelkeit beseelt und mit der Empfindlichkeit des Neurasthenikers belastet, verträgt Baron Conrad weder Tadel noch eine kritische Behandlung seiner Entschlüsse, an deren Scheitern stets andere Faktoren die Schuld tragen" 30.

Deutlich kommt in WIESNERs Bericht auch zum Ausdruck, daß Conrad eine große Belastung für die Politik der Donaumonarchie darstelle. Diese Belastung motivierten die Gründe, warum Conrad nach dem Tode Kaiser Franz Josephs vom Nachfolger des Kaisers, Kaiser Karl I., im März 1917 vom Posten des Generalstabschefs abberufen, vorübergehend mit dem Kommando über eine Heeresgruppe in Tirol betraut und schließlich im Juli 1918 entlassen wurde. Beides geschah für Conrad ehrenvoll: Vor seiner Abberufung wurde er zum Feldmarschall ernannt; seine Entlassung war mit der Verleihung des erblichen Grafenstandes verbunden.

Diese angedeutete politische Belastung der Monarchie durch Conrad legt den Schluß nahe, den der Wiener Arzt, Dr. Leopold NOSKO, in seiner sehr begabten und im Wintersemester 1975/76 bei Professor Franz GALL an der Wiener Universität vorgelegten Seminararbeit "Conrad von Hötzendorf und das Schicksal der Donaumonarchie" zieht. In dieser Arbeit resümiert NOSKO:

"Gerade bei Conrad wird das Problem der antiken Tragödie offenkundig, das Äschylos und Sophokles verschieden beantworten: Ist alles menschliche Geschehen ewigen, unverrückbaren Gesetzen unterworfen und der Mensch das Opfer eines blinden Fatums, oder findet er infolge eigenen Entschlusses in gewaltigen Konflikten seinen Untergang?... In der Phase des Unterganges einer politischen Entität ergreifen die radikalen Kräfte noch einmal die Macht...Das ist die Dämonie Conrads. Es scheint doch Äschylos recht zu haben: es herrscht das Fatum. Und man darf sagen: Conrad war das ausführende Werkzeug dieses Fatums" 31.

Wie weit dieser von NOSKO aus den Strukturverhältnissen der Monarchie in ihrem Zusammenbruch gezogene Schluß zutrifft, wird eine Biographie Conrads noch zu klären haben. Von der Struktur des altösterreichischen Offizierskorps her gesehen, stellte Conrad jedenfalls einen militärischen Führertypus dar, der an der Schwelle einer ganz neuen Zeit steht. Im ethischen Bereich stark verhaftet in den Idealbildern des monarchischen Staates von gestern, ragen seine militärischen Ideen weit über die Möglichkeiten dieser Zeit und ihrer Wehrmacht hinaus. Das mag auch der Grund dafür gewesen sein, daß sich von allen Generalstäben der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg der Generalstab der sowjetischen Armee am eingehendsten mit Conrads Führungslehre beschäftigt hatte; so etwa der räterussische Generalstabschef Boris SCHABOSCHNIKOW in seinem 1927 bis 1929 erschienenem, dreibändigen Werk "Mosg armij" (Das Gehirn der Armee) 32. Das mag aber auch die Motivitation für den deutschen General Max HOFFMANN gewesen sein, am 3. September 1925 in einem Interview zu einem Journalisten der Wiener "Neuen Freien Presse" zu sagen:

"Ich bin nach Wien gekommen, um an den Begräbnisfeierlichkeiten für Feldmarschall Conrad teilzunehmen. Ich halte den Verstorbenen für einen der größten Strategen, und ich bin überzeugt, wenn er den Apparat des deutschen Heeres zur Verfügung gehabt hätte, hätte er die glänzendsten Erfolge erringen können. Darin liegt eine besondere Tragik" 33.

Damit darf ich abschließend zu dem zurückkehren, von dem ich ausgegangen bin, nämlich: Was war das historische Bild Conrads und was bleibt in der Conrad-Tradition?

Conrad der große geistige Erzieher der alten Armee, der große Schlachtenlenker im Ersten Weltkrieg, der große Feldherr - das war die Legende seines Lebens, wie sie sich in vielen Darstellungen altösterreichischer Offiziere gespiegelt hat. Aber das war nicht immer Conrad, das war meist nur seine Idealisierung.

Was bleibt, das ist das Bild eines außerordentlich begabten Menschen und Heerführers. In diesem Bild dominieren geniale Gedankenflüge und stark ausgeprägte soldatische Tugenden, entsagungsvolle Pflichtauffassung, Loyalität und hohe Ehrbegriffe. Ein leidenschaftlicher Charakter und eine Kompromißlosigkeit sondergleichen im Denken verdunkeln gelegentlich dieses Bild. Doch immer wieder spürt man auch in diesem Dunkel, in Conrads Schriften, Briefen und flüchtig hingeworfenen Notizen, nicht bloß die Sensibilität eines leicht verletzbaren Menschen, sondern auch die Handschrift des großen Soldaten; voll von Widersprüchen - gewiß; ein Techniker der Macht vielleicht mehr noch als militärischer Führer - gewiß. Nur die, die ihm ganz nahe standen, konnten ihn vielleicht verstehen, wenn die Maske fiel, die ihm Beruf und Rang aufgezwungen hatten, bis sie identisch mit seiner Wesenheit zu sein schien. Aber auch nur ein solcher Mensch, wie Conrad es war, konnte nach all dem, was geschehen war, den Mut dazu aufbringen, in seinen "Privaten Aufzeichnungen" überzeugend und glaubwürdig zu bekennen:

"Vielleicht war mein Wirken eine Kette von Irrtümern, aber sicher war es eine Kette von unentwegten Bemühungen, meinem alten Vaterland und seinem kaiserlichen Herrn mit allen meinen Kräften und nach bester Überzeugung zu dienen" 34.


Erzherzog Friedrich und Conrad von Hötzendorf



1 Vortrag, gehalten auf dem 19. Fortbildungslehrgang für Lehrstabsoffiziere und Dozenten der Wehrgeschichte der Bundeswehr in der Offiziersschule des Heeres in Hannover-Langenhagen, am 27. September 1977. Gedruckt in: Vorträge zur Militärgeschichte, Bd. 1, Herford-Bonn 1981, S.68-87. - Vollständige bibliographische Angaben der in den Fußnoten abgekürzt zitierten Literatur im Literaturverzeichnis.
2 S.35.
3 Traditionspflege im Bundesheer, S.380.
4 Zitiert bei Ludwig JEDLICKA, Jahrgangsabzeichen des Ausmusterungsjahrganges 1975, S.2.
5 Feldmarschall Graf Conrad, S.2. - Besonders stark ausgeprägt ist die Idealisierung Conrads in den weitge-hend unkritischen biographischen Darstellungen von Moritz AUFFENBERG-KOMAROW, Carl Freiherr von BARDOLFF, Edmund GLAISE-HORSTENAU, Maximilian Ritter von HOEN, Hugo KERCHNAWE, Rudolf KISZLING, Max Freiherr von PITREICH, August URBANSKI von OSTRYMIECZ und Alfred von WITTICH.
6 (Peter FIALA), Feldmarschall Conrad von Hötzendorf (1852-1925), S.12.
7 Die nur mit besonderer Erlaubnis einzusehende und mehrere Tausend Briefe umfassende Privatkorrespon-denz Conrads befindet sich im Privatbesitz des Konsuls a.D. Kurt Reininghaus in Wien.
8 So in seinen Briefen an Frau von Reininghaus, etwa vom 17. November 1907: "Für mich hat das Geschick nur ein ständiges ´Nein´. Gestillter Drang nach kriegerischem Ruhm in der Jugend? - Nein! Glück im Fami-lienleben? - Nein. Kriegerische Betätigung in hohen Führerstellen? Nein."; in einem Brief vom 16. September 1913: "Die Unstimmigkeiten mit dem Erzherzog dauern fort ... Ich kenne mich überhaupt nicht mehr aus - aber Sie werden es begreifen, daß mir meine Stellung nur mehr Ekel und Widerwillen einflößt und ich nur einen Wunsch habe, nämlich aus diesen Intrigen herauszukommen und Ruhe zu finden - die Ruhe des unab-hängigen Privatmannes. Die Sehnsucht danach ist in mir so mächtig, daß ich geradezu mit Entsetzen daran denke, mich noch einstweilen in der Aktivität fortschleppen zu müssen", und dann am 28. Juni 1914, unmittel-bar nach dem Attentat auf den Thronfolger in Sarajevo, in einem Brief aus Karlstadt: "Leider habe ich hier Eindrücke  gewonnen, die für die Zukunft der Monarchie, und zwar schon für die nächste, nichts Gutes voraus-sehen lassen. Serbien und Rumänien werden die Nägel zu ihrem Sarg werden - Rußland wird beide dabei kräf-tig unterstützen; es wird ein aussichtsloser Kampf werden, dennoch muß er geführt werden, da eine so alte Monarchie und eine so glorreiche Armee nicht ruhmlos untergehen können. So sehe ich einer trüben Zukunft und einem trüben Ausklingen meines Lebens entgegen". Vgl. Gina Gräfin CONRAD VON HÖTZENDORF, Mein Leben mit Conrad von Hötzendorf, S.29, 78 und 114. Vgl. auch Kurt PEBALL, Briefe an eine Freundin.
9 Schicksalsjahre Österreichs, Bd.1, S.253-254.
10 Ebd., S.271.
11 Ebd., S.63-64.
12 Zitiert bei Adam WANDRUSZKA, Revision der Conrad-Legende, S.II.
13 Salomon WANK, Some Reflections, p.76.
14 Fritz FELLNER, Summary to Salomon Wank, p.88-89. Vgl. auch Gunther E. ROTHENBERG, The Army of Francis Joseph, p.139-200 und die Beiträge von ROTHENBERG, LUVAAS und WEGS in:  The Habsburg Empire in World War I.
15 Peter BROUCEK, Der Nachlaß Feldmarschall Conrads im Kriegsarchiv.
16 CONRAD von HÖTZENDORF, Aus meiner Dienstzeit 1906-1918, Bd.1, S.31.
17 Manfried RAUCHENSTEINER, Zum Operativen Denken in Österreich 1814-1914, Der Vorkriegszyklus, S.52.
18 Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 30, 1977, S.191-220.
19 Benedek-Conrad von Hötzendorf, S.11.
20 L.c., S.50.
21 Der österreichisch-ungarische Bundesgenosse im Sperrfeuer, S.115.
22 L.c. , S.50.
23 L.c., S.118.
24 L.c.,S.208-209.
25 Vgl. die Evidenzen 1-330 im Österreichischen Staatsarchiv - Kriegsarchiv, Neue Feldakten, 4. Armeekommando, Faszikel 34, und Norman STONE, The Eastern Front, wo auf S.81-82 u.a. ausgeführt wird: "The intelligent-maps of IVth Army showed, on 10th August, six Russian corps (7. to 12. inclusive) at Kazatin, Zhmerinka and Dubno; on 13th August the maps showed, rightly, 21. Corps as well; and by 14th August the Austrian high command was already reporting to its liason officer with the German in East Prussia a commendably accurate picture of Russian deployment - at Dubno, the Russian 11. Corps; over the eastern Galicia border "certainly", 7. 8. and 12. Corps and "probably" 9. 10. and 21. The only corps missed out was 24. with arrived from Bessarabie only some time later. In this way, Austro-Hungarian intelligence itself showed that the four corps of Brudermann´s group would be taking on seven Russian corps, a force double their size. Moreover, instead of waiting - as the German VIII Army did in East Prussia - Brudermann´s group was advancing into the path of these Russian forces, many of the divisions already exhausted by varoius peregrinations before they even joined battle."
26 L.c., S.260.
27 Genesis der Lage gegenüber Italien. Lage Anfang Mai, Abschrift im Österreichischen Staatsarchiv - Kriegsarchiv, Armeeoberkommando, Op.Nr.24.915 vom 11. Mai 1916.
28Österreichisches Staatsarchiv - Kriegsarchiv, Nachlaßsammlung, B/67 (Glaise-Horstenau), n.23, S.189-190.
29 Österreichisches Staatsarchiv - Haus-, Hof- und Staatsarchiv, Wien, Politisches Archiv, Krieg geheim, Liasse XLVII/2-17 (Karton 499), undatiertes Original mit Päsentationsdatum vom 27.6.1916, fol.195-203, fol.197.
30 Ebd.
31 L.c., S.448 und 451.
32 Vgl. Konrad LEPPA, Das Hirn des Heeres, S.753-772.
33 Neue Freie Presse vom 3. September 1925, S.1.
34 L.c., S.31.
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