Es dürfte
bekannt sein, daß Conrad von Hötzendorf im überwiegenden Teil
der österreichischen militärischen Geschichtsschreibung der
Zwischenkriegszeit 1918-1939 und auch später, als eine geradezu
mythische militärische Gestalt dargestellt wurde. In der
neueren Forschung ist man sachlicher geworden. Es wird versucht,
Conrad vom Menschen her als auch in Reflexion auf neuere
Forschungsergebnisse zur Geschichte des Ersten Weltkrieges zu
verstehen. Dieses Vorhaben wird dadurch begünstigt, daß es
heute ganz andere Möglichkeiten, aber auch andere Erkenntnisse
gibt als seinerzeit. Seit etwa 1956 haben die meisten europäischen
Archive ihre Dokumente der Forschung zugänglich gemacht. Oder
mit anderen Worten gesagt: Der k.u.k. Feldmarschall Conrad von Hötzendorf
gehört in der Kriegsgeschichte zweifelsohne zu den
bedeutendsten Exponenten beweglicher militärischer Führung -
das Thema dieser Tagung. Weil aber das historische Bild Conrads
stark mythologisiert wurde, mag es im Interesse historischer
Wahrheitsfindung vielleicht interessant sein, über Conrad
versuchsweise im Zusammenhang von Legende, Mythos und Tradition
zu sprechen.
Wenn ich mich dabei an einem
Wort von Ernst BERTRAM in der Einleitung zu seinem
"Nietzsche. Versuch einer Mythologie" ausrichten darf,
nämlich an diesem: "Die Legende des Menschen, das ist
sein in jedem neuen Heute neu wirksames und lebendiges Bild"
2,
und, wenn eine auf Kontinuität gegründete ethische Entwicklung
als Tradition angesprochen wird, dann heißt das bei Conrad
Folgendes:
Als der Feldmarschall Franz
Graf Conrad von Hötzendorf 1925 starb, bereiteten ihm das
Bundesheer der ersten österreichischen Republik und die
Kameradschaftsverbände der alten Armee in Wien ein Begräbnis,
wie es das Zeremoniell der kaiserlichen Armee für die großen
Heerführer und Feldherrn vorgesehen hatte: Vor dem auf einer
sechsspännigen Lafette gebetteten Sarg das Leibpferd, dahinter
der geharnischte Ritter; 24 Kanonenschüsse begleiteten die
Grablegung des Marschalls. Im heutigen österreichischen
Bundesheer ist die Conrad-Tradition signifikant verankert.
Conrads Geburtstag, der 14. November 1852, ist der
Traditionsgedenktag der Landesverteidigungsakademie
(Generalstabsschule). Das Gebäude des Bundesministeriums für
Landesverteidigung in Wien heißt "Kommando-Gebäude Franz
Graf Conrad von Hötzendorf"
3.
Diese Conrad-Tradition läßt
sich in ihren Wurzeln aus dem geschichtlichen Klima der Zeit des
Zusammenbruches der Donaumonarchie und dessen Auswirkungen nach
1918 auf die gesellschaftlichen Strukturen der ersten österreichischen
Republik verstehen. Sie läßt sich aber auch daraus erklären,
daß in geschichtlichen Umbruchszeiten Sehnsüchte nach der
ethischen Beständigkeit im verlorengegangenen
Gesellschaftssystem angesprochen werden können. Werden solche
Sehnsüchte angesprochen, dann kann sich die Legende des Lebens
hervorragender Persönlichkeiten, die Idealbildern im alten
Gesellschaftssystem nahekommen, in einer auf Kontinuität gegründeten
ethischen Entwicklung spiegeln. Sie kann aber auch zum Mythos
werden - wie bei Conrad, wenn Conrads militärischer
Erziehungsstil als Ausdruck eines ganz besonders ausgeprägten
soldatischen Ethos mit Conrads Wesenheit identifiziert und auf
seine immer stark ansprechende Maxime reduziert wird, und zwar
auf diese, von ihm selbst Geprägte:
"Der Inhalt steht über
der Form, der Geist über der Materie, das Erziehen über dem
Abrichten, die Überzeugung über dem Zwang, das feldmäßige Können
über dem parademäßigen Drill"
4.
Das sind dann ethische Realitäten
im Geschichtsbewußtsein von Generationen von Soldaten, die
ebenso richtig wie indiskutabel sind. Damit stellt sich aber
auch der Conrad-Mythos als ein geistiges Moment und nicht als
eine Conrad-Schule im Sinne einer Militärdoktrin dar. In den
Verteidigungs- und Schulungskonzepten des Bundesheeres der
beiden österreichischen Republiken hat es eine solche
Conrad-Schule nicht gegeben und gibt es eine solche nicht.
Es wäre nun gewiß sehr
reizvoll, in einer Art historiographischem Spiegel der
Conrad-Mythologie in der österreichischen militärischen
Geschichtsschreibung verschiedenen Fragen nachzugehen; zum
Beispiel der Frage, wie aus Kameradschaftsempfinden, Anhänglichkeit,
Bewunderung und verständlicher Verehrung in den Schriften altösterreichischer
Offiziere die Idolisierung Conrads zum "größten
Soldaten der Geschichte Österreichs seit Prinz Eugen"
entstanden ist, wie General Emil von WOINOVICH schon 1918
schrieb
5; oder der Frage,
warum bei diesem Idolisierungsprozeß sachbezogene Arbeiten
anderer altösterreichischer Offiziere, die in Conrad durchaus
nicht nur ein Idol erblickten, in der offiziösen österreichischen
Militärpublizistik kaum oder manches Mal sogar auch sehr
abwertend beachtet wurden; oder der Frage, warum Oskar REGELE in
seiner, großen Conrad-Monographie 1955 bei Betonung des
Moltkeschen Ausspruches "Prestige müssen gewahrt
bleiben" und mit Ansammlung eines großen
Quellenmaterials versucht hat, alle negativen Aspekte der Amtsführung
Conrads dadurch zu verschleiern, daß er sie in einer Fülle von
Vergleichen versteckte, die bis auf die antike Kriegführung zurückgreifen;
er relativierte so Ansätze der Kritik, ohne eine solche
allerdings zu verschweigen. Es wäre schließlich auch nicht
uninteressant, zu fragen, warum denn in dem 1972 von der
Ausbildungsabteilung B des österreichischen Bundesministeriums
für Landesverteidigung herausgegebenen Traditionsbehelf
"Feldmarschall Conrad von Hötzendorf" noch immer Sätze
wie diese zu lesen sind:
"Die teilweise neuen
und richtungsweisenden Methoden, die Conrad für den
Infanteriekampf entwickelte, standen selbstverständlich im
Einklang mit dem zeitgenössischen Kriegsbild"
6,
was zumindest eine Übertreibung
ist.
Aber Fragen dieser Art wären
nicht zielführend dafür, was primär interessant ist, nämlich:
W o liegt die Mitte? W o setzt die Synthese an, in der sich die
angesprochenen Gegensätzlichkeiten in den Auffassungen über
Conrad treffen könnten?
Vielleicht könnte und sollte
man, um diese Mitte zu gewinnen, wieder dort ansetzen, wo das
historische Bild Conrads von seinem Ursprung her erkennbar ist,
bei den Primärquellen zur Geschichte seines Lebens. Das sind
Conrads 1921 bis 1925 erschienene Memoirenwerke "Aus
meiner Dienstzeit 1905-1918" und "Mein Anfang.
Kriegserinnerungen aus der Jugendzeit 1878-1882", seine
1977 herausgekommenen "Privaten Aufzeichnungen"
und seine umfangreichen Korrespondenzen im Wiener Kriegsarchiv
und im Privatbesitz
7. Nimmt
man dazu noch - mit der gebotenen Vorsicht natürlich - die
schriftlichen Erzählungen altösterreichischer Offiziere, die
Conrad persönlich sehr gut gekannt hatten, dann Beobachtungen
von österreichischen Politikern der Kriegszeit, wie etwa von
Josef REDLICH, dessen politisches Tagebuch 1908-1919 Fritz
FELLNER 1953/54 herausgegeben hat, und kombiniert diese Aussagen
mit den - hier nur in sehr beschränkter Auswahl anzuführenden
- neueren Forschungsergebnissen zur Tätigkeit Conrads - dann könnte
sich Conrad in etwa wie folgt darstellen: Conrads menschliche
Existenz prägten sein Bluterbe und das Milieu seiner Kindheit.
Den Soldaten Conrad profilierte das Berufsethos des k.u.k.
Offizierskorps, in das er hineingewachsen ist. ALLMAYER-BECK hat
dieses Berufsethos schon 1957 ganz großartig in seinem Beitrag
im Sammelwerk "Die Träger der staatlichen Macht. Adel
und Bürokratie" herausgearbeitet.
Conrad kommt aus keiner Militärfamilie.
Die Vorfahren väterlicherseits waren mittlere Beamte oder
Verwalter herrschaftlicher Güter. Sie waren in Mähren ansässig.
Die Vorfahren seiner Mutter Barbara (1815-1915), geborene Küchler,
stammen aus Bayern; sie waren Handwerker im kleinbürgerlichen
Milieu. Conrads Großvater mütterlicherseits war Zimmermaler.
Lediglich Conrads Vater, Franz Xaver Joseph (1793-1878), war
Soldat und Offizier. Das Adelsprädikat "von Hötzendorf"
stammt von Conrads Urgroßvater väterlicherseits, Franz Anton
Conrad (1738-1827). Dieser war 1815 als kaiserlicher Beamter
(Adjunkt und später Raitrat, also Rechnungsrat) geadelt worden
und hatte den Mädchennamen seiner ersten Frau, Josefa von Hötzendorf
(1739-1798), die einer 1745 geadelten, kurpfälzischen Familie
entstammte, als Adelsprädikat der Conrad übernommen. Konrads
Großmutter väterlicherseits, Barbara, war eine Russin mit Mädchennamen
Postawkin. Nikolaus von PRERADOVICH hat über die Herkunft der
Familie Conrads 1958 eine interessant Untersuchung vorgelegt.
Conrad wurde 1852 in Penzing,
damals ein Vorort von Wien, geboren. Erzogen mehr von einer
harten, dem Pflichtgefühl ergebenen Mutter als vom Vater,
erlebte Conrad eine Jugend in bescheidenen Verhältnissen: Mit
elf Jahren Kadettenschüler und später Militärkakademiker; ein
einem Kinde aufgezwungener Beruf, das einer Anlage nach mehr dem
Künstlerisch - Malerischen zuneigte. Dann wurde er
Generalstabs- und Truppenoffizier, Taktiklehrer an der
Kriegsschule in Wien, Regimentskommandant in Troppau, Brigadier
und Divisionär in Triest und in Innsbruck, bis ihn 1906 der
Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand als Generalstabschef der
gesamten bewaffneten Macht auserwählte. Damals war Conrad 54
Jahre alt. Er hatte 35 aktive Dienstjahre In der Armee hinter
sich. davon 25 Jahre bei der Truppe. Einfallsreichtunm, Fleiß,
Gewissenhaftigkeit und eine rastlose Aktivität unterschieden
ihn weitaus vom Durchschnitt des Offizierskorps. In Österreich
hatte der Chef des Generalstabs gemäß Behördenorganisation in
Friedenszeit zwar nur für die Ausbildung des Heeres und für
die Ausarbeitung der Entwürfe der operativen Kriegspläne zu
sorgen. Im Kriege hatte er die militärischen Verbände zu
koordinieren und den Armeeoberkommandanten in militärischen Führungsfragen
zu beraten. Kraft seiner Persönlichkeit ging aber Conrads
Einfluß innerhalb der komplizierten österreichischen militärischen
hierarchischen Ordnung und der Vielfalt ihrer Funktionen bald
weit über diese Befugnisse hinaus. Er sicherte sich das Recht
des direkten Vortrages beim Kaiser ohne Kontrolle durch das
Kriegsministerium, dem der Generalstabschef organisatorisch
unterstand. Die Ausstrahlungskraft seiner Persönlichkeit war
schließlich so stark, daß Conrad während der Kriegsmonate vom
August 1914 bis November 1916, also bis zum Tode des Kaisers,
von Kaiser Franz Joseph völlig freie Hand in allen militärischen
Belangen und in der Leitung der militärischen Operationen
gelassen wurde. De facto war nicht Erzherzog Friedrich, der
Kaiser Franz Joseph an der Spitze des Heeres im Felde vertrat,
Armeeoberkommandant, sondern Conrad von Hötzendorf.
Aber nicht eine noch so
detaillierte Kenntnis seiner amtlichen Tätigkeit gibt den Schlüssel
zu Conrads komplexer Persönlichkeit, wie sie seine Memoiren so
deutlich spiegelt. Auch weitaus die meisten Urteile anderer
Memoirenschreiber über ihn lassen viele Widersprüche in
Conrads Denken und Handeln kaum verständlich werden. Der Schlüssel
zum Verstehen der Psyche Conrads ist sein Innenleben, sein Leben
mit und durch seine Familie, und das war nicht sehr vom Glück
gesegnet.
Conrads erste Frau Wilhelmine,
eine geborene Le Beau, erlag im Jahre 1905 mit 45 Jahren einem
Krebsleiden. Von seinen vier Söhnen aus dieser Ehe fiel sein
Lieblingssohn Herbert im September 1914 in der Schlacht bei Rawa
Ruska als Leutnant in einem Dragonerregiment. Ein zweiter Sohn
starb bei Kriegsende als Oberleutnant an einem Lungenleiden.
Seine zweite Frau Virginie lernte Conrad 1907 als Gattin des
steirischen Industriellen Reininghaus und Mutter von sechs
Kindern kennen und lieben. Er war damals 55 und sie 28 Jahre
alt. Sie war Italienerin und von bezaubernder Schönheit. Seine
zweite Frau, die er 1915 heiratete, hat Conrad unendlich viel
bedeutet. Seine Briefe an sie gehören nach inhaltlicher Form
und Sprache teilweise zu den klassischen Liebesbriefen der
deutschen Literaturgeschichte.
Diese Briefe sind auch
besonders aufschlußreich hinsichtlich Konrads Denken im
Zusammenhang mit seinem militärischen Beruf. In ihnen schreibt
sich Conrad die Sorgenlast des Berufes von der Seele, und er
infomiert seine Frau über fast alle wichtigen Entscheidungen
seines Berufs. Im seelisch-geistigen Bereich dokumentieren diese
Briefe, aber auch andere Briefe Conrads, großen
Gedankenreichtum und ein unaufhörliches Jagen stets neuer
Ideen. Sie zeigen deutlich eine Kompromißlosigkeit
sondergleichen sich selbst und anderen gegenüber, eine Kompromißlosigkeit,
die nur zu lieben oder nur zu hassen wußte. Neben einer stark
ausgeprägten Eitelkeit zeigen die Briefe aber auch einen
auffallenden Pessimismus sich selbst und den eigenen Zielen
gegenüber, und das nicht erst während der ersten unglücklichen
Ereignisse am Kriegsschauplatz im Herbst 1914, sondern schon
viele Jahre früher
8.
Dieser Pessimismus, den Conrad
nach außen hin beinahe immer durch besonders betontes
Pflichtbewußtsein, Härte, oder auch durch bezaubernden Charme
zu verdecken wußte, ist auch so guten Menschenkennern
aufgefallen wie dem österreichischen Historiker und Politiker
Josef REDLICH. So etwa, wenn REDLICH am 26. August 1914 über
ein Gespräch mit Conrad in seinem Tagebuch notierte:
"Wieder fiel mir der
eigentümlich pessimistisch-sentimentale Grundzug in Conrads
Wesen auf, der umso stärker wirkt, als Conrad in seinem militärischen
Beruf die Nüchternheit selbst, die personifizierte Freiheit von
Illusionen darstellt"
9;
und am 9. September 1914:
"Menschlich tut mir
Conrad sehr leid; er erträgt die Position nicht, zu der ihn das
Schicksal erhoben hat..., der große innere Schwung fehlt. Er
glaubt innerlich nicht an seinen historischen Beruf zum
Generalissimus Österreichs wider Rußland. Die acht Jahre der Kämpfe,
erst gegen Schönaich, dann gegen Franz Ferdinand, haben ihn
furchtbar verbraucht"
10.
Diese Jahre der Kämpfe, die
REDLICH anspricht, das war Conrads Amtstätigkeit vor dem
Kriege. Damals war es Conrad trotz des ungarischen Widerstandes
und vieler Behinderungen seitens des Kriegsministers Schönaich
weitgehend gelungen, die rückständigen Rüstungen der
Monarchie durch umfassende organisatorische, disziplinäre und
waffentechnische Reformen auszugleichen. 1909 und 1911 aber
waren Conrads Wünsche, die inferiore Lage der Monarchie im
europäischen politischen Kräftespiel durch Präventivkriege
gegen Serbien und Italien aufzuwerten, am energischen Widerstand
des Außenministers Aehrenthal gescheitert und Conrad mußte
1911 demissionieren. Zum damaligen Sturz Conrads trug auch bei,
daß sich seine Beziehungen zum Thronfolger durch beiderseitiges
Verschulden verschlechtert hatten. Franz Ferdinand war außerdem
praktizierender Katholik. Conrad war Freigeist, und sein Denken
war in den damals in Offizierskreisen weitverbreiteten liberalen
und sozialdarwinistischen Ideen verwurzelt. Conrad wurde vorübergehend
mit dem Amt eines Armeeinspektors betraut, aber im Dezember 1912
wieder zum Generalstabschef berufen.
"Wenn ich mein Wirken
vor dem Kriege zusammenfasse",
so schildert Conrad in seinen
"Privaten Aufzeichnungen" die Situation, und man spürt
dabei etwas vom leidenschaftlichen Feuer seiner Natur,
"dann gipfelt sie in
der klaren Erkenntnis der von Italien, Serbien und Rußland
drohenden Gefahren und in meinem unablässigen Bemühen, diesen
Gefahren durch rechtzeitiges Handeln zu begegnen ... Und das
haben unsere Diplomaten nicht erkannt und nicht zu nützen
verstanden ... Ich wurde bei Seiner Majestät, ebenso in der
Presse wie im Publikum als unverantwortlicher Kriegshetzer
verschrien und wie ein räudiges Schaf behandelt ... Wenn ich
jetzt der Leute gedenke, die das hintertrieben haben ..., so
kann es nur in völliger Verachtung geschehen. Sie und alle, die
in ihr Horn geblasen haben, waren die Mörder und Totengräber
der österreichisch-ungarischen Monarchie, sie trifft die
Verantwortung, daß es zum Weltkrieg kommen mußte"
11.
Die angebliche Richtigkeit der
Conradschen Präventivkriegsideen ist in der jüngsten
Geschichtsforschung entschieden abgelehnt worden. Egon ZECHLIN
hat beispielsweise schon 1963 in einem Vergleich der
Sitzungsprotokolle des österreichisch-ungarischen Ministerrates
mit jenen des preußischen Staatsministeriums die österreichischen
Minister nach Format, Stil und persönlicher
Verantwortungsbereitschaft besonders hervorgehoben
12.
1965 hat der amerikanische Historiker Salomon WANK in einer
Interpretation der Conradschen Memoiren an Hand neuer Quellen
festgestellt,
"daß Conrad eine
politische und vor allem diplomatische Belastung für Österreich-Ungarn
in der kritischen Phase vor und während der ersten Monate des
Ersten Weltkrieges darstellte"
13.
Fritz FELLNER, der sich von den
österreichischen Historikern der jüngsten Zeit wohl am
eingehendsten mit der politischen Geschichte vor und während
des Ersten Weltkriegs befaßt, hat das vollauf bestätigt
14.
Eine Bestätigung findet sich auch bei Gerhard RITTER, Fritz
FISCHER und jüngst auch in der Monographie von Erwin HOLZLE
"Die Selbstentmachtung Europas. Das Experiment des
Friedens vor und im Ersten Weltkrieg", erschienen 1976.
Conrads starkes politisches
Engagement läßt sich aus seinen Anschauungen über den Krieg
und die Kriegführung erklären. Es muß aber festgehalten
werden, daß Conrads Führungslehre quellengemäß sehr schwer
faßbar ist. Seine gedruckten Schriften enthalten - abgesehen
von seinen frühen taktischen Arbeiten - nur gelegentlich
Reflexionen darüber. Die Masse seiner Denkschriften im Wiener
Kriegsarchiv, die sich mit verschiedenen operativen Problemen,
zum Beispiel mit dem Gebirgskrieg, mit dem Festungskrieg oder
mit Fragen der Einführung von Flugzeugen befassen, sind noch
nicht einmal im Überblick erfaßt. Peter BROUCEK, der für die
Schriftennachlässe zuständige Fachreferent im Wiener
Kriegsarchiv, hat hier allerdings während der letzten Jahre
bedeutende Vorarbeiten in einer Neuordnung und Ergänzung des
dortigen Conrad-Nachlasses geleistet
15.
Conrads Führungslehre stützt
sich auf Clausewitz, Moltke und Schlieffen. Nach einer Analyse
des Burenkrieges, die Conrad 1903 veröffentlichte, kam er zu
der Überzeugung, daß Sieg und Niederlage im Kriege im Volk
begründet liege. Damit sei aber der Krieg die Angelegenheit des
Staates und der Sieg hänge vom inneren Zustand des Staates,
aber auch von dessen Außenpolitik ab. Conrad legte das
Clausewitz-Wort, daß der Krieg eine Fortsetzung der Politik,
nur mit Beimischung anderer Mittel sei, im Sinne Moltkes aus:
"Die Politik ist leider
nicht zu trennen von der Strategie. Die Politik braucht den
Krieg zur Erreichung ihrer Ziele, und sie hat einen
entscheidenden Einfluß auf seinen Anfang und sein Ende"
16.
Aber Conrad geht noch weiter
als Moltke. Die Leitlinien für die Aufstellung eines
Kriegsplanes müßten von der Außenpolitik kommen. Es gäbe
keine andere Politik als eine solche, die sich auf kriegsbereite
Streitkräfte stütze. Die großen Fragen der äußeren Politik
seien nur durch den Krieg zu entscheiden. Für die
Kriegsbereitschaft der Streitkräfte und für den Kriegsplan sei
der Generalstab verantwortlich. Deswegen müsse sich der
Generalstabschef auch mit der äußeren Politik beschäftigen,
um den Krieg im richtig erkannten Augenblick gebrauchen zu können.
Im weiteren sah Conrad - wie Schlieffen in seinem Cannae-Konzept
- die Entscheidung in einer Schlacht, in der Gegner doppelt zu
umfassen sei. Diese Umfassung erfordere aber die Überlegenheit
der Zahl auf seiten des Umfassenden und eine starke Kampfkraft
durch körperlich und seelisch für den Kampf geschulte
Soldaten. Dazu müsse das Heer im Frieden erzogen werden. Es müsse,
wo eine Homogenität in seiner Zusammensetzung fehle, wie bei
der multinationalen Wehrmacht der Donaumonarchie, die Kampfkraft
durch ein so rasch wie möglich herbeigeführtes Kampferlebnis
in einem tatsächlichen Krieg gestärkt werden. Manfried
RAUCHENSTEINER hat also durchaus recht, wenn er im vorläufig
letzten Teil seiner 1974/75 in der "Österreichischen Militärischen
Zeitschrift" erschienenen Untersuchung "Zum
Operativen Denken in Österreich 1814-1914" Conrads
operatives Denken auf den moralischen Zustand der österreichischen
Wehrmacht vor 1914 projiziert und feststellt:
"Die nationalen
Spannungen hatten schon zu Meutereien bei verschiedenen
Regimentern geführt, und man sah mit Bangen, wie der
Zerfallprozeß der Monarchie auch auf das gemeinsame Heer übergriff.
War da die Hoffnung so verfehlt, daß man auch diesem Problem
durch einen Präventivkrieg, zumindest aber durch entsprechende
Anfangserfolg beikommen könnte?"
17.
In Conrads Führungslehre fällt
schließlich die einseitige Bevorzugung der Infanterietaktik
auf. Conrad war von der Ausbildung her Infanterieoffizier. Seine
Infanterietaktik ist in seinem 1900 veröffentlichten und bis
1917 in sechs unveränderten Auflagen erschienenen Buch "Gefechtsausbildung
der Infanterie" enthalten. Ihre Grundprinzipien sind an
den Interpreten des deutsch-französischen Krieges von 1870/71,
wie Boguslwaski, Scherff, Hellmuth, May, Tellenbach, Verdy du
Vernois, Hoenig und Natzmer, und an der österreichischen Stoßtaktik
des Krieges von 1866 ausgerichtet. Sie wurden auch im
Dienstreglement für das k.u.k. Heer verankert. Neu daran für
die österreichische Armee waren psychologische Momente, die
Conrad ganz besonders betonte: Entschlußkraft, zielbewußter
Tatendrang, Selbständigkeit beim Fällen von Entscheidungen,
unbeugsamer Wille zum Sturmlauf, wie überhaupt die möglichst
kriegsnahe Gestaltung von Truppenübungen und Manövern. Die
Achillesverse dabei war, daß Conrad der Feldartillerie beim
Infanterieangriff keine große Bedeutung beilegte, ebensowenig
den Schützenlöchern beim Angriff wie überhaupt dem Schützengraben,
dem indirekten Schießen der Artillerie oder auch dem
Maschinengewehr.
Das wiederum stand nun
keineswegs im Einklang mit den Kriegserfahrungen aus dem
russisch-japanischen Krieg von 1904/05 und aus den beiden
Balkankriegen von 1912/13, also mit dem Kriegsbild der Zeit.
Diese Erfahrungen wurden aber in der österreichischen Truppe
nicht nur publizistisch diskutiert, sondern auch im kleineren
Bereich praktisch geübt, freilich vielfach verbotener Weise und
auch von Conrad keineswegs geduldet. Noch nicht publizierte
Aufzeichnungen damaliger Truppen- und Generalstabsoffiziere
berichten darüber, wie Rudolf KISZLING, Anton LEHAR, Hans
MAILATH-POKORNY, Andreas BALVANY und Maximilian von CSISCERICS,
der 1904/05 als österreichischer Militärbevollmächtigter an
den Kämpfen in Ostasien teilgenommen hatte. Peter BROUCEK
behandelte das in einer in den "Mitteilungen des Österreichischen
Staatsarchivs" 1977 erschienenen Untersuchung über
"Taktische Erfahrungen aus dem Russisch-japanischen Krieg
und ihre Beachtung in Österreich-Ungarn"
18.
Die Konsequenzen, die sich
daraus für Conrads Führung im Ersten Weltkrieg ergeben haben,
hat schon 1931 der seinerzeitige k.u.k. Feldmarschall-Leutnant
Franz KUHN von KUHNENFELD in einem Vergleich zwischen Conrad und
Benedek, dem unglücklichen Kommandanten der österreichische
Nordarmee, dahingehend festgestellt, daß
"im Jahre 1914, in der
ersten, der wichtigsten Kriegsperiode, die Blüte unserer
herrlichen Jungmannschaft zwecklos in den Tod gehen (mußte),
weil man sie - die Erfahrungen des Feldzuges von 1904/05 in
Ostasien mißachtend - zumeist ohne eigene
Artillerievorbereitung deckungslos gegen die in Gräben
stehenden feindlichen Schützen und gegen überlegene Artillerie
vortrieb. Die weit überlegenen Russen drangen in
Galizien mit ihrem in der Mandschurei erprobten
Drei-Linien-Grabensystem ein , wogegen unsere angreifenden
Truppen nicht dezimiert, sondern mehr als halbiert wurden"
19.
Hier zeigt sich die
geschichtliche Tragik an Conrad besonders deutlich, der in
faszinierenden Denkmodellen weit über den militärischen Möglichkeiten
seiner Zeit stand. So etwa in dem Modell, in welchem er im
operativen Bereich zur Landesverteidigung der Monarchie in
"Maximal-" und "Minimalfällen dachte, für die
er mittels A-, B- und C-Staffeln die notwendigen operativen Verbände
je nach einem denkbaren Kriegsfall gegen Rußland, gegen Serbien
oder Italien wie spielerisch zusammensetzte und einzusetzen
gedachte.
Eine andere Eigentümlichkeit
Conrads war, daß ihn in der Praxis, - ich betone es: in der
Praxis - nicht in der Theorie, immer die Sache mehr als die
handelnden Personen interessierte. So hat sich Conrad während
des Krieges und solange er Generalstabschef des
Armeeoberkommendos war, praktisch nie selbst vom Zustand der
Armeen oder deren Kommandos in der Front überzeugt. Sofort mit
Kampfbeginn begann er sich außerdem immer mehr in den
Wirkungskreis der Armeekommandanten direkt einzumischen und
ihnen sogar operative Lösungen vorzuschreiben. Das und nicht
immer ganz gerechte Abberufungen von Kommandanten wegen
angeblichen Führungsversagen hat ihm zahlreiche Feinde im
eigenen Lager gebracht.
Ich will hier nicht bei den
Friktionen des Aufmarsches bei Kriegsbeginn 1914 verweilen. Die
zutreffenden Ergebnisse der 1974 in den "Militärgeschichtlichen
Mitteilungen" erschienenen Arbeit von Norman STONE
"Die Mobilmachung der österreichisch-ungarischen Armee
1914" sind bekannt: Ein Kriegsplan, der sowohl die
schnelle Niederwerfung Serbiens wie auch ein gleichzeitigtes
offensives Vorgehen gegen Rußland für möglich hielt, war
infolge Kräftemangels nicht durchführbar.
"Die Führung Conrads
bietet das Bild einer Fehlrechnung durch Illusion" hat
Hans HERZFELD nicht ganz zu Unrecht 1968 in seiner "Geschichte
des Ersten Weltkriegs" angemerkt
20.
"Die Sache war umso böser, als man sich hinsichtlich
der feindlichen Absichten eigentlich ganz im Dunklen befand",
schreibt Anton von PITREICH, bei Kriegsbeginn Generalstabschef
im österreichischen 3. Armeekommando, schon 1930
21.
"Der Erfindungsreichtum Conrads blieb übermäßig durch
Überschätzung der Angriffskraft...belastet, die vor allem
seine Anfangsoperationen zu einer, den Gegner immer wieder
unterschätzenden Risikofreudigkeit verleitet hat", fährt
HERZFELD fort
22, und
PITREICH assistiert: "Und der Angriffswahn wurde zum
Angriffsfieber und das Angriffsfieber wurde zum Angriffswahn"
23.
Die Offensivoperationen der österreichischen
Truppen brachten am serbischen Kriegsschauplatz zunächst keine
und an der Ostfront nur taktische Erfolge bei Krasnik und
Komarow. Die von Conrad geleiteten Operationen begannen dort mit
einem von der 1. Armee (Dankl) und 4. Armee (Auffenberg) nach
Norden gerichteten Stoß. Dieser wurde zum Luftstoß, als der
mitten aus dem noch nicht abgeschlossenen Aufmarsch heraus und
gleichzeitig mit dem Angriff der 3. Armee (Brudermann) im Raum
von Lemberg gegen Osten an der feindlichen Übermacht
scheiterte. Die 3. Armee mußte zurückgenommen werden und mit
ihr die beiden anderen Armeen. Die vom serbischen
Kriegsschauplatz verspätet eintreffende 2. Armee (Böhm-Ermolli)
konnte die Niederlage nicht mehr verhindern. Die Verluste an der
Ostfront betrugen rund 400.000 Mann, davon 100.000 als
Gefangene, und 300 Geschütze. Das waren fast 50 Prozent der
dort aufmarschierten Streitkräfte.
Carl Freiherr von BARDOLFF,
1911 bis 1914 Vorstand der Militärkanzlei des Thronfolgers
Franz Ferdinand und bei Kriegsbeginn Kommandant der 29.
Infanterie-Brigade der 4. Armee, die eine Zeit lang den Rückzug
dieser Armee deckte, stellte 1938 in seinem Buche "Soldat
im alten Österreich" berechtigt die Frage:
"Wie konnte man
nur...gegen Osten und Norden, also in senkrecht
auseinanderlaufenden Richtungen mit annähernd gleich starken Kräften,
die noch nicht einmal voll versammelt waren, in wilder Hast in
die umfassen angesetzten, in der gefährlichen Richtung auf
Lemberg besonders starken Russen in der Hoffnung auf Erfolg
hineinstoßen, ohne daß im Norden die Umklammerung des Feindes
im Zusammenwirken mit dem Bundesgenossen bei gleichzeitiger
Abwehr der Russen in Osten gesichert war... Wie konnte man überhaupt
an zwei Fronten gleichzeitig die Entscheidung suchen wollen,
wenn man in der Minderzahl ist?"
24.
In seinen Memoiren erklärte
Conrad, er habe diese gewagte Operation in der Hoffnung auf
einen gleichzeitig vom deutschen Ostheer aus Ostpreußen in
Richtung auf Sielce östlich von Warschau zu führenden Angriff
unternommen, wie es 1909 mit Moltke vereinbart worden sei.
Dieser Angriff sei aber ausgeblieben. Außerdem sei die Stärke
der Russen in Galizien, vor der österreichischen 3. Armee,
nicht bekannt gewesen.
Weder das eine noch das andere
entspricht den Tatsachen. Mit Moltke, zuletzt im Mai in
Karlsbad, war nichts anderes abgesprochen worden als eine
Fesselung der nördlichen russischen Streitkräfte durch
deutsche Verbände in Ostpreußen, aber keine unmittelbare
Zusammenarbeit in einer Angriffsoperation. Eine solche war erst
nach dem Fallen der Entscheidung im Westen in Aussicht gestellt,
nach deutscher Annahme frühestens in sechs Wochen ab
Mobilmachung. Theobald SCHÄFER hat das schon 1938 klargestellt,
ebenso Gerhard RITTER 1962 in seinem Werk "Staatskunst und
Kriegshandwerk". Der anderen Behauptung Conrads
widerspricht die Aktenlage, zum Beispiel die in der Forschung
bisher kaum beachteten Berichte des Vertreters des österreichischen
Außenministeriums im Armeeoberkommando zu Kriegsbeginn, General
der Kavallerie Wladimir GIESL, die sich im Wiener Haus-, Hof-
und Staatsarchiv befinden. Aber auch die an das
Armeeoberkommando gesandten Lagemeldungen der österreichischen
4. Armee zwischen dem 10. und 20. August 1914 im Wiener
Kriegsarchiv widerlegen diese Behauptung Conrads. So zeigt
bereits die Feindlage am 14. August, daß die vier Korps der österreichischen
3. Armee auf sieben Korps der russischen 3. und 8. Armee treffen
würden
25.
In Wirklichkeit wollte Conrad
bei Kriegsbeginn wahrscheinlich - aber sicher ohne Hilfe der
Deutschen - durch einen überraschend in die tiefe Flanke der
erkannten und auf Lemberg angesetzten Hauptmasse der Russen geführten
Angriff dem Gegner eine entscheidende Niederlage beibringen,
vielleicht in einer Kesselschlacht.
Noch einige Schlagworte zu
Conrad Führung im Kriegsverlauf.
Die Idee zu der, gemeinsam mit
den Deutschen ausgeführten Durchbruchsoperation von Gorlice im
Mai 1915, die die russische Südwestfront zum Einsturz brachte,
ist von Conrad. Der Operationsplan dazu stammt aus der deutschen
Obersten Heeresleitung. Aber es ist auffallend, daß Conrad noch
am 4. April 1915, wenige Wochen vor Operationsbeginn, in einem
Brief an Falkenhayn einer großen Flankenoperation von Polen und
Südgalizien aus in Richtung auf Warschau das Wort redet, was
Falkenhayn in seiner Antwort vom 13. April als unrealistisch
ablehnt und stattdessen den Durchbruch bei Tarnow-Gorlice
vorschlägt. Hermann WENDT hat diesen Konnex schon 1936 in
seiner grundlegenden Untersuchung "Der italienische
Kriegsschauplatz in europäischen Konflikten"
aufgezeigt
26. Die ebenfalls
zusammen mit den Deutschen geführten Operationen, die Ende 1915
zur Niederwerfung Serbiens führten, waren ebenso von Conrad
mitgeplant wie jene des Durchbruchs von Flitsch-Tolmein im
Herbst 1917, der zum Zusammenbruch der italienischen Isonzofront
führte. Aber die Katastrophe, in die österreichische 4. und 7.
Armee Anfang Juni 1916 an der Ostfront durch die
Brussilov-Offensive geriet, beruhte zum guten Teil auch auf
unzutreffenden Lagebeurteilungen durch Conrad im Zusammenhang
mit seiner Offensive im Trentino. So stellte Conrad noch am 11.
Mai 1916 fest: "An unserer russischen Front stehen vom
Pripjet bis zur rumänischen Grenze unsererseits 570.000 Gewehre
(davon 13.000 Deutsche) auf 450 Kilometer gegen 560.000 -
640.000 russische Gewehre"; ein russischer Angriff sei
deswegen "aller Voraussicht nach" aussichtslos,
außerdem fehlten Anzeichen für eine russische
Angriffsgruppierung
27.
Edmund GLAISE-HORSTENAU, als Generalstabshauptmann damals
Kriegstagebuchführer im Armeeoberkommando, stellt hingegen in
seinen "Erinnerungen" fest: "Der feindliche
Angriff kam keineswegs überraschend. Die feindlichen Funksprüche
verrieten uns alle Einzelheiten im voraus"
28.
Dr. Friedrich von WIESNER, der damalige Vertreter des österreichischen
Außenministeriums im Armeeoberkommando, forderte daher in
seinem, um den 26. Juni 1916 datierten und an den Außenminister
Graf Burian gerichteten, vertraulichen Bericht, das
Armeeoberkommando wegen leichtsinniger Armeeführung unter
Kuratel und die österreichischen Verbände der Ostfront unter
deutsches Kommando zu stellen
29.
Letzteres ist dann bekanntlich ja auch weitgehend geschehen.
Hinsichtlich der Person Conrads
führte WIESNER aus:
"Von der Eitelkeit
beseelt und mit der Empfindlichkeit des Neurasthenikers
belastet, verträgt Baron Conrad weder Tadel noch eine kritische
Behandlung seiner Entschlüsse, an deren Scheitern stets andere
Faktoren die Schuld tragen"
30.
Deutlich kommt in WIESNERs
Bericht auch zum Ausdruck, daß Conrad eine große Belastung für
die Politik der Donaumonarchie darstelle. Diese Belastung
motivierten die Gründe, warum Conrad nach dem Tode Kaiser Franz
Josephs vom Nachfolger des Kaisers, Kaiser Karl I., im März
1917 vom Posten des Generalstabschefs abberufen, vorübergehend
mit dem Kommando über eine Heeresgruppe in Tirol betraut und
schließlich im Juli 1918 entlassen wurde. Beides geschah für
Conrad ehrenvoll: Vor seiner Abberufung wurde er zum
Feldmarschall ernannt; seine Entlassung war mit der Verleihung
des erblichen Grafenstandes verbunden.
Diese angedeutete politische
Belastung der Monarchie durch Conrad legt den Schluß nahe, den
der Wiener Arzt, Dr. Leopold NOSKO, in seiner sehr begabten und
im Wintersemester 1975/76 bei Professor Franz GALL an der Wiener
Universität vorgelegten Seminararbeit "Conrad von Hötzendorf
und das Schicksal der Donaumonarchie" zieht. In dieser
Arbeit resümiert NOSKO:
"Gerade bei Conrad wird
das Problem der antiken Tragödie offenkundig, das Äschylos und
Sophokles verschieden beantworten: Ist alles menschliche
Geschehen ewigen, unverrückbaren Gesetzen unterworfen und der
Mensch das Opfer eines blinden Fatums, oder findet er infolge
eigenen Entschlusses in gewaltigen Konflikten seinen
Untergang?... In der Phase des Unterganges einer politischen
Entität ergreifen die radikalen Kräfte noch einmal die
Macht...Das ist die Dämonie Conrads. Es scheint doch Äschylos
recht zu haben: es herrscht das Fatum. Und man darf sagen:
Conrad war das ausführende Werkzeug dieses Fatums"
31.
Wie weit dieser von NOSKO aus
den Strukturverhältnissen der Monarchie in ihrem Zusammenbruch
gezogene Schluß zutrifft, wird eine Biographie Conrads noch zu
klären haben. Von der Struktur des altösterreichischen
Offizierskorps her gesehen, stellte Conrad jedenfalls einen
militärischen Führertypus dar, der an der Schwelle einer ganz
neuen Zeit steht. Im ethischen Bereich stark verhaftet in den
Idealbildern des monarchischen Staates von gestern, ragen seine
militärischen Ideen weit über die Möglichkeiten dieser Zeit
und ihrer Wehrmacht hinaus. Das mag auch der Grund dafür
gewesen sein, daß sich von allen Generalstäben der Zeit nach
dem Ersten Weltkrieg der Generalstab der sowjetischen Armee am
eingehendsten mit Conrads Führungslehre beschäftigt hatte; so
etwa der räterussische Generalstabschef Boris SCHABOSCHNIKOW in
seinem 1927 bis 1929 erschienenem, dreibändigen Werk "Mosg
armij" (Das Gehirn der Armee)
32.
Das mag aber auch die Motivitation für den deutschen General
Max HOFFMANN gewesen sein, am 3. September 1925 in einem
Interview zu einem Journalisten der Wiener "Neuen Freien
Presse" zu sagen:
"Ich bin nach Wien
gekommen, um an den Begräbnisfeierlichkeiten für Feldmarschall
Conrad teilzunehmen. Ich halte den Verstorbenen für einen der
größten Strategen, und ich bin überzeugt, wenn er den Apparat
des deutschen Heeres zur Verfügung gehabt hätte, hätte er die
glänzendsten Erfolge erringen können. Darin liegt eine
besondere Tragik"
33.
Damit darf ich abschließend zu
dem zurückkehren, von dem ich ausgegangen bin, nämlich: Was
war das historische Bild Conrads und was bleibt in der
Conrad-Tradition?
Conrad der große geistige
Erzieher der alten Armee, der große Schlachtenlenker im Ersten
Weltkrieg, der große Feldherr - das war die Legende seines
Lebens, wie sie sich in vielen Darstellungen altösterreichischer
Offiziere gespiegelt hat. Aber das war nicht immer Conrad, das
war meist nur seine Idealisierung.
Was bleibt, das ist das Bild
eines außerordentlich begabten Menschen und Heerführers. In
diesem Bild dominieren geniale Gedankenflüge und stark ausgeprägte
soldatische Tugenden, entsagungsvolle Pflichtauffassung, Loyalität
und hohe Ehrbegriffe. Ein leidenschaftlicher Charakter und eine
Kompromißlosigkeit sondergleichen im Denken verdunkeln
gelegentlich dieses Bild. Doch immer wieder spürt man auch in
diesem Dunkel, in Conrads Schriften, Briefen und flüchtig
hingeworfenen Notizen, nicht bloß die Sensibilität eines
leicht verletzbaren Menschen, sondern auch die Handschrift des
großen Soldaten; voll von Widersprüchen - gewiß; ein
Techniker der Macht vielleicht mehr noch als militärischer Führer
- gewiß. Nur die, die ihm ganz nahe standen, konnten ihn
vielleicht verstehen, wenn die Maske fiel, die ihm Beruf und
Rang aufgezwungen hatten, bis sie identisch mit seiner Wesenheit
zu sein schien. Aber auch nur ein solcher Mensch, wie Conrad es
war, konnte nach all dem, was geschehen war, den Mut dazu
aufbringen, in seinen "Privaten Aufzeichnungen"
überzeugend und glaubwürdig zu bekennen:
"Vielleicht war mein
Wirken eine Kette von Irrtümern, aber sicher war es eine Kette
von unentwegten Bemühungen, meinem alten Vaterland und seinem
kaiserlichen Herrn mit allen meinen Kräften und nach bester Überzeugung
zu dienen"
34.
1
Vortrag, gehalten auf dem
19. Fortbildungslehrgang für Lehrstabsoffiziere und Dozenten
der Wehrgeschichte der Bundeswehr in der Offiziersschule des
Heeres in Hannover-Langenhagen, am 27. September 1977. Gedruckt
in: Vorträge zur Militärgeschichte, Bd. 1, Herford-Bonn 1981,
S.68-87. - Vollständige bibliographische Angaben der in den Fußnoten
abgekürzt zitierten Literatur im Literaturverzeichnis.
2
S.35.
3
Traditionspflege im
Bundesheer, S.380.
4
Zitiert bei Ludwig JEDLICKA,
Jahrgangsabzeichen des Ausmusterungsjahrganges 1975, S.2.
5
Feldmarschall Graf Conrad,
S.2. - Besonders stark ausgeprägt ist die Idealisierung Conrads
in den weitge-hend unkritischen biographischen Darstellungen von
Moritz AUFFENBERG-KOMAROW, Carl Freiherr von BARDOLFF, Edmund
GLAISE-HORSTENAU, Maximilian Ritter von HOEN, Hugo KERCHNAWE,
Rudolf KISZLING, Max Freiherr von PITREICH, August URBANSKI von
OSTRYMIECZ und Alfred von WITTICH.
6
(Peter FIALA), Feldmarschall
Conrad von Hötzendorf (1852-1925), S.12.
7
Die nur mit besonderer
Erlaubnis einzusehende und mehrere Tausend Briefe umfassende
Privatkorrespon-denz Conrads befindet sich im Privatbesitz des
Konsuls a.D. Kurt Reininghaus in Wien.
8
So in seinen Briefen an Frau
von Reininghaus, etwa vom 17. November 1907: "Für mich hat
das Geschick nur ein ständiges ´Nein´. Gestillter Drang nach
kriegerischem Ruhm in der Jugend? - Nein! Glück im
Fami-lienleben? - Nein. Kriegerische Betätigung in hohen Führerstellen?
Nein."; in einem Brief vom 16. September 1913: "Die
Unstimmigkeiten mit dem Erzherzog dauern fort ... Ich kenne mich
überhaupt nicht mehr aus - aber Sie werden es begreifen, daß
mir meine Stellung nur mehr Ekel und Widerwillen einflößt und
ich nur einen Wunsch habe, nämlich aus diesen Intrigen
herauszukommen und Ruhe zu finden - die Ruhe des unab-hängigen
Privatmannes. Die Sehnsucht danach ist in mir so mächtig, daß
ich geradezu mit Entsetzen daran denke, mich noch einstweilen in
der Aktivität fortschleppen zu müssen", und dann am 28.
Juni 1914, unmittel-bar nach dem Attentat auf den Thronfolger in
Sarajevo, in einem Brief aus Karlstadt: "Leider habe ich
hier Eindrücke gewonnen, die für die Zukunft der
Monarchie, und zwar schon für die nächste, nichts Gutes
voraus-sehen lassen. Serbien und Rumänien werden die Nägel zu
ihrem Sarg werden - Rußland wird beide dabei kräf-tig unterstützen;
es wird ein aussichtsloser Kampf werden, dennoch muß er geführt
werden, da eine so alte Monarchie und eine so glorreiche Armee
nicht ruhmlos untergehen können. So sehe ich einer trüben
Zukunft und einem trüben Ausklingen meines Lebens
entgegen". Vgl. Gina Gräfin CONRAD VON HÖTZENDORF, Mein
Leben mit Conrad von Hötzendorf, S.29, 78 und 114. Vgl. auch
Kurt PEBALL, Briefe an eine Freundin.
9
Schicksalsjahre Österreichs,
Bd.1, S.253-254.
10
Ebd., S.271.
11
Ebd., S.63-64.
12
Zitiert bei Adam
WANDRUSZKA, Revision der Conrad-Legende, S.II.
13
Salomon WANK, Some
Reflections, p.76.
14
Fritz FELLNER, Summary to
Salomon Wank, p.88-89. Vgl. auch Gunther E. ROTHENBERG, The Army
of Francis Joseph, p.139-200 und die Beiträge von ROTHENBERG,
LUVAAS und WEGS in: The Habsburg Empire in World War I.
15
Peter BROUCEK, Der Nachlaß
Feldmarschall Conrads im Kriegsarchiv.
16
CONRAD von HÖTZENDORF,
Aus meiner Dienstzeit 1906-1918, Bd.1, S.31.
17
Manfried RAUCHENSTEINER,
Zum Operativen Denken in Österreich 1814-1914, Der
Vorkriegszyklus, S.52.
18
Mitteilungen des Österreichischen
Staatsarchivs 30, 1977, S.191-220.
19
Benedek-Conrad von Hötzendorf,
S.11.
20
L.c., S.50.
21
Der österreichisch-ungarische
Bundesgenosse im Sperrfeuer, S.115.
22
L.c. , S.50.
23
L.c., S.118.
24
L.c.,S.208-209.
25
Vgl. die Evidenzen 1-330
im Österreichischen Staatsarchiv - Kriegsarchiv, Neue
Feldakten, 4. Armeekommando, Faszikel 34, und Norman STONE, The
Eastern Front, wo auf S.81-82 u.a. ausgeführt wird: "The
intelligent-maps of IVth Army showed, on 10th August, six
Russian corps (7. to 12. inclusive) at Kazatin, Zhmerinka and
Dubno; on 13th August the maps showed, rightly, 21. Corps as
well; and by 14th August the Austrian high command was already
reporting to its liason officer with the German in East Prussia
a commendably accurate picture of Russian deployment - at Dubno,
the Russian 11. Corps; over the eastern Galicia border "certainly",
7. 8. and 12. Corps and "probably" 9. 10. and 21. The
only corps missed out was 24. with arrived from Bessarabie only
some time later. In this way, Austro-Hungarian intelligence
itself showed that the four corps of Brudermann´s group would
be taking on seven Russian corps, a force double their size.
Moreover, instead of waiting - as the German VIII Army did in
East Prussia - Brudermann´s group was advancing into the path
of these Russian forces, many of the divisions already exhausted
by varoius peregrinations before they even joined battle."
26
L.c., S.260.
27
Genesis der Lage gegenüber
Italien. Lage Anfang Mai, Abschrift im Österreichischen
Staatsarchiv - Kriegsarchiv, Armeeoberkommando, Op.Nr.24.915 vom
11. Mai 1916.
28Österreichisches
Staatsarchiv - Kriegsarchiv, Nachlaßsammlung, B/67 (Glaise-Horstenau),
n.23, S.189-190.
29
Österreichisches
Staatsarchiv - Haus-, Hof- und Staatsarchiv, Wien, Politisches
Archiv, Krieg geheim, Liasse XLVII/2-17 (Karton 499),
undatiertes Original mit Päsentationsdatum vom 27.6.1916,
fol.195-203, fol.197.
30
Ebd.
31
L.c., S.448 und 451.
32
Vgl. Konrad LEPPA, Das
Hirn des Heeres, S.753-772.
33
Neue Freie Presse vom 3.
September 1925, S.1.
34
L.c., S.31.
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